Konzept

Vorbemerkung
Die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft führt bereits heute zu einer zunehmenden Kostenbelastung der sozialen Sicherungssysteme. In diesem Kontext gewinnen pflegende Angehörige eine immer größere Bedeutung. An humanistischen Grundwerten orientierte Gesellschaften wie die unsere, haben es sich zur Aufgabe gestellt, die Versorgung hilfe- und pflegebedürftiger Mitglieder durch die Gemeinschaft zu sichern. Dies geschieht teils durch professionelle Pflegeinrichtungen, zum Großteil jedoch durch das ehrenamtliche Engagement der pflegenden Angehörigen [1].

 

 

Pflegende Angehörige sind hierbei vielfach erheblich  höheren und qualitativ anderen Belastungen ausgesetzt als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der beruflichen Alten- und Krankenpflege. Neben der oftmals zeitlich unbegrenzten und ununterbrochenen Verfügbarkeit resultiert die Mehrbelastung vor allem aus der emotionalen Nähe bzw. Abhängigkeit gegenüber der pflegebedürftigen Person. Die sich hierdurch ergebenden psychischen und sozialen Stressoren, aber auch die körperlichen Beanspruchungen addieren sich zu einem komplexen Belastungsprofil.  Längerfristig ist mit somatoformen Störungen, Erschöpfungszuständen und eine erhöhten Unfallquote zu rechnen.

Gleichzeitig entlasten pflegende Angehörige durch ihre Pflegetätigkeit die solidarisch finanzierten Sozialsysteme und öffentlichen Haushalte. Eine Modellrechnung aus dem Jahr 2001 für das Land Bremen verdeutlicht dies. Wären in Bremen alle Pflegebedürftigen [2] des Landes entsprechend ihrer Pflegestufen in Einrichtungen der stationären Altenhilfe versorgt worden, hätte dies einen monatlichen Kostenaufwand von ca. 35 Millionen Euro zur Folge gehabt. Die ambulante Versorgung ausschließlich durch Pflegepersonen wäre auf monatlich ca. 6 Millionen Euro zu beziffern gewesen (Frauengesundheitsbericht Bremen 2001, S. 75) [3]. Somit kann festgehalten werden, dass Pflegepersonen unserer Gesellschaft – sowohl auf ethischer als auch auf finanzieller Ebene – wertvolle Dienste leisten. Dafür verdienen Sie die Unterstützung durch die Gemeinschaft.

Praktische Unterstützung bietet der gesetzliche Unfallversicherungsschutz  für Pflegepersonen. Der Versicherungsschutz ist primär den gemeindlichen Unfallversicherungsträgern zugeordnet. In NRW ist hierfür, die zum 01. Januar 2008  aus der Landesunfallkasse NRW, dem Gemeindeunfallversicherungsverband (GUVV) WestfalenLippe, dem Rheinischer GUVV und der Feuerwehrunfallkasse NRW gegründete Unfallkasse Nordrhein-Westfalen zuständig. Einer Pflegeperson stehen nach einem Arbeitsunfall oder bei Auftreten einer Berufskrankheiten Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung zu. Vordringlichste Aufgabe eines Unfallversicherungsträgers ist es jedoch, durch präventive Maßnahmen Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten.

Bei einigen Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand bestehen bereits Angebote mit präventiven Hintergrund für die Zielgruppe der Pflegepersonen. Hierbei handelt es sich jedoch meist um Einzelaktivitäten. Die Unfallkasse NRW sieht sich jedoch in der Pflicht, präventive Maßnahmen für nicht erwerbsmäßig Pflegende in einen konzeptuellen Rahmen zu binden. Dies spiegelt – wie in anderen Bereichen der ehrenamtlich Tätigen – die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung wider.

Das für die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung bedeutsame Unfallgeschehen dieser speziellen Versichertengruppe ist als relativ gering zu betrachten. Dies gilt gleichermaßen für die absoluten und erst recht für die relativen Unfallzahlen sowie für die dadurch entstehen Kosten der Leistungsansprüche.

Allerdings ist jedoch durch die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit damit zu rechnen, dass der Informationsstand der Pflegepersonen über ihnen zustehende Leistungen zunimmt und sie diese in zunehmenden Maß in Anspruch nehmen werden. Da der gesetzliche Unfallersicherungsschutz für Pflegepersonen nicht an zeitliche Mindestwerte für die Übernahme von Pflegeverrichtungen gebunden ist, kann die Zahl der Leistungsanspruchsberechtigten kaum abgeschätzt werden.

Der Anspruch auf Leistungen für Pflegepersonen wird zunehmend bekannter. Dies wird den zu erbringenden Kostenrahmen erhöhen, wenn nicht mittels präventiver Maßnahmen der Arbeits- und Gesundheitsschutz der pflegenden Angehörigen verbessert wird. Darüber hinaus ist jedoch die gesellschaftliche Verantwortung der gesetzlichen Unfallversicherungsträger, das Engagement gerade auch für diese Versichertengruppe, die – mit einem Blick auf die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft – immer größer werden wird, von weitaus größerer Bedeutung (vgl. Schieron 2004).

Um die bereits vorhandenen Angebote zum Gesundheitsschutz nicht erwerbsmäßig Pflegender zu bündeln und somit effektiver als bisher zu nutzen, initiiert die Unfallkasse NRW den Aufbau des im Folgenden beschriebenen Netzwerks.

Das Netzwerk will in einer konzertierten Aktion die unterstützenden Strukturen für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige vernetzen und weiterentwickeln. Ausgangspunkt wird die Beschreibung der bestehenden unterstützenden Strukturen sowie die Bedarfslage  der nicht erwerbsmäßig Pflegenden sein. Damit werden die vorliegenden Strukturen nach noch zu erarbeitenden Qualitätskriterien bewertet. Darüber hinaus wird der Unterstützungsbedarf der nicht erwerbsmäßig Pflegenden, über den bisher wenig Informationen vorhanden sind, in der Umsetzung berücksichtigt.

Die erste Stufe der Netzwerkentwicklung bleibt regional begrenzt. Es ist jedoch zu vermuten, daß eine bundesweite Übertragbarkeit gegeben ist.

 


[1] Im Rahmen dieses Konzeptes werden die Begriffe „nicht erwerbsmäßig Pflegende“, „pflegende Angehörige“ und „Pflegeperson“ synonym verwendet und beschreiben alle, nicht professionell in die ambulante Versorgung Pflegebedürftiger – gemäß SGB XI – einbezogene Personen, z.B. Familienangehörige, Freunde, Bekannte. Diese Verwendung des Begriffs „Pflegeperson“ entspricht dessen Definition im Kontext des SGB VII, nicht jedoch dem Kontext des SGB XI. Der dort verwendete Begriff der „Pflegeperson“ ist enger gefasst.

[2] Pflegebedürftig entsprechend der Definition des § 14 SGB XI

[3] Die Währungsangaben aus dem Jahr 2001 erfolgten in DM und wurden in Euro übertragen. Die Modellrechnung bildet nicht die Wirklichkeit ab, ermöglicht jedoch eine Einschätzung der finanziellen Dimensionen. Dabei ist u.a. zu beachten, dass im Land Bremen im Jahr 2001 ca. 31 000 Menschen, in NRW  ca. 460 000 Menschen pflegebedürftig im Sinne des SGB XI waren.